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17.11.2020

Añadas, Single Casks und andere Spezialitäten

Die neuen Gesichter der Weine aus Jerez

Der Marco de Jerez gilt eigentlich als Heimat der genialen Reife-Künstler, deren Geschick beim kontinuierlich dynamischen Verschneiden von Jahrgängen im ausgeklügelten Reifesystem der Solera über die Jahrhunderte zur önologischen Legende geworden ist. Das Verständnis dieser einmaligen Ausbaumethode schließt im Grunde eine Jahrgangskultur aus. Nicht ganz, muss man an diesem Punkt einwenden. Jahrgangs-Sherrys hat es eigentlich schon immer gegeben, wenn auch nur in sehr vereinzelter und limitierter Form. Historische Häuser wie González Byass legen nach wie vor von Zeit zu Zeit ihre famosen Jahrgangs-Spezialitäten wie den Palo Cortado 1987 auf oder auch Williams & Humbert ihre Colección Añada. Allein, diese besonderen Weine, statisch gereift und unter hohen Kosten produziert, blieben bis vor wenigen Jahren im Grunde Einzelfälle.

Diese Situation hat sich grundlegend geändert, und die drei Städte des berühmten Produktionsdreiecks Jerez de la Frontera, El Puerto de Santa María und Sanlúcar de Barrameda verzeichnen an allen Ecken und Enden neue Weine und Stile. Einmal sind es Winzerbetriebe, die aus ihrer Funktion als Zuliefere großer Betriebe hinausgewachsen sind und nun Schritt für Schritt dazu übergehen eigene Gewächse zu vermarkten und dabei eine erstaunliche Kreativität an den Tag legen, oder Neuankömmlinge, die in gewisser Weise unbelastet von eingefahrenen Produktionsmechanismen die Sherry-Bereitung aus anderen Blickwinkeln betrachten.

 CRDO Jerez Das beruhmte Produktionsdreieck Jerez de la Frontera El Puerto de San Maria und Sanlucar de Barrameda prasentiert sich zunehmend mit neuen Weinen und Stilen

Das berühmte Produktionsdreieck Jerez de la Frontera, El Puerto de San María und Sanlúcar de Barrameda präsentiert sich zunehmend mit neuen Weinen und Stilen.


Einer der sicherlich wichtigsten Neueinsteiger ist ganz klar Pingus-Weinmacher Peter Sissek. Seine Entscheidung mit einem andalusischen Partner in der Altstadt von Jerez ein neues Projekt zu starten, begründet der Däne ebenso einfach wie einleuchtend: „Die biologisch gereiften Weine aus Jerez sind in jeder Beziehung einmalig und eigentlich nicht kopierbar. Wenn man also in Spanien einen besonderen Weißwein machen will, dann sollte man dies genau hier tun. Mehr Eigenständigkeit und Charakter geht nun mal nicht!“ Das Debut-Gewächs des Duos ist auf der Basis einer alten Solera bereitet, die mit Wein aus einer Parzelle des berühmten Pago Balbaina aufgefrischt wurde. Im Laufe der Zeit wird sich dieser sehr weinige Fino folglich immer mehr einem echten Lagen-Sherry annähern. Peter Sissek folgt damit dem Trend zu genau definierten und hochwertigen Sub-Pago bzw. Parzellen-Gewächsen, der im Marco de Jerez langsam Fuß fasst. Der Däne greift damit im Grunde eine Lagenkultur auf, die es bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts durchaus gegeben hat.

 

Jahrgangs- und Einzelfass-Abfüllungen


Ein Trend, für den sich immer mehr Winzer begeistern, ist die Bereitung von Añadas, sprich Sherrys mit einer Jahrgangsangabe. Diese Weine müssen statisch bereitet werden, also ohne eine dynamische Durchmischung von einer Fasslage zur anderen, und entstehen meistens in sehr begrenzten Volumina. Die Bereitung kann unterschiedlich vonstattengehen. Eine Möglichkeit besteht darin, die für die Vermarktung abgestochene Menge sowie den Verdunstungsverlust durch Wein aus gleichalten Fässern immer wieder zu ersetzen und so die Oxidationsfläche bis zum letzten Fass kleinzuhalten. Dieser Methode folgen im Grunde die traditionellen großen Häuser wie González Byass, Tradición, Lustau oder Williams & Humbert mit einer ganzen Kollektion historischer Añada-Gewächse. In der Regel handelt es sich letztlich um mehrheitlich oxidativ gereifte Spezialitäten wie Amontillados, Palo Cortados, Oloroso oder auch PX-Qualitäten, deren Herstellung als Añada-Gewächs nicht ganz so kompliziert ausfällt.

 CRDO Jerez Immer mehr Winzer begeistern sich fur die Bereitung von Anadas

Immer mehr Winzer begeistern sich für die Bereitung von Añadas.

 

Herausforderung Jahrgangsweine aus der Familie der biologisch gereiften Sherrys


Die Alternative lautet nicht zu toppen und gewissermaßen sinkende Füllstände in den Fässern in Kauf zu nehmen. Was sich natürlich bei Weinen unter Hefeflor als besonders knifflig erweist. Auf diese Weise arbeiten beispielsweise die Gebrüder José und Francisco Blanco. Ihre erste Manzanilla de Añada entstammte einem Block von 11 Botas (600er Fässer für die Reifung im Gebiet), die keine Auffrischung durch jüngere Weine erfahren. Der Hefeflor durchläuft stetige Veränderungen, was wiederum bedeutet, dass diese Manzanillas de Añada ebenfalls von Abfüllung zu Abfüllung Veränderungen aufweisen, auch wenn dieses zunächst nur gering ausfallen. Vom zuständigen Consejo Regulador auf Schritt zu Schritt verfolgt und kontrolliert, werden die Añada-Fässer nach jeder Saca, wie man den Abstich nennt, der in diesem Falle zur Abfüllung einer Partie führt, von der Behörde versiegelt. Folgt man der biologisch-technischen Logik verliert dieser Manzanilla-Typ irgendwann seinen typischen Charakter; nämlich spätestens dann, wenn sich die für die Hefeflorbildung notwenigen Nährstoffe dem Ende zu neigen. Die Blanco-Brüder haben mit ihrem kleinen Weingut Viña La Callejuela aufgrund des Erfolges ihrer Erstlinge zunächst drei 2014er Manzanillas aus den Pagos bzw. Lagen Añina, Callejuela und Macharnudo nachgeschoben und dann erst kürzlich zwei Lagen- und Jahrgangs-Manzanillas aus 2016 vorgestellt. Die in Sanlúcar de Barrameda ansässigen Winzer verschmelzen Jahrgangs- und Terroir-Kultur miteinander sind ein leuchtendes Beispiel für die neuen Gesichter im Marco de Jerez.

 CRDO Jerez Nicht toppen und sinkende Fullstande in den Fassern in Kauf zu nehmen erweist sich bei Weinen unter Hefeflor als besonders knifflig

Nicht toppen und sinkende Füllstände in den Fässern in Kauf zu nehmen, erweist sich bei Weinen unter Hefeflor als besonders knifflig.

 

Eine neue Kategorie in Sicht?


Im Grunde artverwandt sind die ebenfalls sehr begehrten Single Cask-Sherrys, wobei diese als eigenständige Kategorie erst noch vom Kontrollrat bestätigt werden müssen. In den meisten Fällen sind Single-Cask-Abfüllungen auch Añada-Sherrys. Doch unter dieser wie gerade erwähnt noch nicht von offizieller Seite abgesegneten Bezeichnung kann man auch einen Einzelfass-Ausbau verstehen, bei dem mit einer kleinen Menge eines ähnlichen Typs nach jedem Abzug aufgefrischt wird. Bei diesen Weinen liegt die Idee zugrunde, den Charakter eines besonders guten Fasses zu bewahren, indem man alljährlich minimale Volumina für eine sehr exklusive Abfüllung abführt. Die dann quasi als Ersat z hinzugegebene Partie ist so gering, dass sie den Typus dieses außergewöhnlichen Einzelfasses kaum zu verändern vermag. Man darf also durchaus gespannt sein, wie die von der Weinbaubehörde offiziell geschützte Version der Single-Cask-Bereitung letztendlich aussehen wird. Das Anbaugebiet steckt voller Dynamik und Neuheiten, die uns in den kommenden Jahren viele großartige Sherry-Persönlichkeiten bescheren werden

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